Die Gartetalbahn

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Viele Leser werden sich noch gut an die Gartetalbahn erinnern können, die ein Menschenalter lang schnaufend und bimmelnd durch das Gartetal nach Göttingen rollte und ohne die das Tal kaum aus seinem Dornröschenschlaf erwacht wäre. Wenige werden noch wissen, dass das Bähnle einst sogar bis Duderstadt gefahren ist und für diese 36 Kilometer 2 Stunden benötigte (bei einer zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h!). Ortsdurchfahrt Diemarden

Im Jahre 1882 tauchte erstmals ein Gartetalbahnprojekt auf, dessen geistige Väter der Reinhäuser Amtsrichter Münchmeyer sowie der Eisenbahn-Ingenieur Edmund Heusinger von Waldegg waren. Nach mehreren vergeblichen Eingaben an den Minister der öffentlichen Arbeiten in Berlin gründete sich am 28. April 1889 in Kerstlingerode ein Komitee, das sich den Bau einer Eisenbahn von Göttingen ins Eichsfeld zum Ziel gesetzt hatte.

In erster Linie wollte man damit das Gartetal erschließen, die Landwirtschaft, insbesondere den Zuckerrübenanbau, durch verbesserte Abfuhr fördern und auch den Fremdenverkehr in dieser reizvollen Landschaft beflügeln. Als Fernziel wurde aber auch eine zusätzliche Bahnverbindung mit dem Südharz und dem nördlichen Thüringen ins Auge gefasst.

Am 05.01.1897 begann der Bahnbau mit der Beseitigung größerer Felsmassen bei der Steinsmühle. Nach größeren Meinungsverschiedenheiten über die Streckenführung im Stadtgebiet- der zuerst erwogene Plan Bahnhofstraße (heute Berliner Straße) - Bürgerstraße musste auf Betreiben der Schulen und Universitätsinstitute fallengelassen werden - wurde folgende Trasse ausgeführt: Staatsbahnhof - Schwarzer Weg - Hasengraben - Leinestraße - Überquerung des Rosdorfer Weges - Städtische Brauerei - Überquerung von Brauweg, Jahnstraße und Leinekanal - Lotzestraße - Verlängerte Lotzestraße - Mühlenweg - Reinhäuser Landstraße bis Garteschenke - die Garte aufwärts über Diemarden, Benniehausen, Wöllmarshausen bis Rittmarshausen.

Am 08.12.1897 berichtete die Göttinger Zeitung: "Gestern um 10 Uhr fand die Eröffnung der Gartetalbahn statt. Nachdem sich die eingeladenen Gäste auf dem hiesigen Staatsbahnhof versammelt hatten, setzte sich der Zug mit bekränzter Lokomotive unter klingendem Spiel in Bewegung. Aus Anlaß der Eröffnung haben vier hiesige Firmen (Johann Müller, Friedrich Barth, Sylvester Märten, J.H. Hampe) einen niedlichen Fahrplan herstellen lassen [...]."

Am 19.12.1897 wurde dann der Betrieb aufgenommen, zunächst mit drei zweiachsigen Tenderloks von 12t Dienstgewicht. Der Fahrpreis von Diemarden bis zur Lotzestraße von 25 Pfennigen war den sparsamen Landleuten zu hoch, und so pflegten sie die an den Wagen angebrachten Bahninitialen GThB mit "Gutmütiger Theodor, berappe!" zu interpretieren. Erst die Einführung von besonderen Marktkarten stellte sie zufrieden. Bald auch zog das grüne Tal Scharen von Sonntagsausflüglern an, und als erst die Göttinger Studenten erkannt hatten, wie herrlich ein (oder auch mehrere!) Gläser Bier in den Wirtshausgärten des Gartetals mundeten, investierten sie gern die 85 Pfennig für eine Rückfahrtkarte nach Waterloo (später "Pigalle"). Bereits 1899 erbrachte der Ausflugsverkehr 42 % der Einnahmen.

Der Personenverkehr auf der Strecke zwischen Göttingen und Rittmarshausen nahm im 2. Weltkrieg um einiges und in den ersten Nachkriegsjahren beträchtlich zu (Flüchtlinge, Grenzgänger, Hamsterfahrten). In den Jahren 1946 und 1949 konnten aus Wehrmachtsbeständen drei Heeresfeldbahnlokomotiven mit Schlepptender beschafft werden. Zu Himmelfahrt 1954 wurde dann noch ein vierachsiger Triebwagen von der stillgelegten Kleinbahn Steinhelle-Medebach erworben, der nun den Personenverkehr übernahm.

Nachdem am Himmelfahrtstag 1957 die "letzte" Fahrt des Dampfzuges erfolgte, gelang es noch einmal, den Personenverkehr für ein halbes Jahr auf der Schiene zu betreiben. Doch am 30.10.1957 war es so weit: Ein langer Zug dampfte zum allerletztenmal mit Fahrgästen über die Strecke. Die Fahrgäste waren so zahlreich erschienen, dass viele von ihnen auf Trittbrettern und Dächern Platz nehmen mussten.

Vom 30.09.1958 an fuhren noch einmal die Rübenzüge, die nun aber von einer ausgeborgten C-Tenderlok der Kreisbahn Osterode-Kreiensen geführt werden mussten, und ab Juli begann der letzte Abschnitt der Gartetal-Eisenbahn: Der Abbau der Gleisanlagen.

Unzählige Geschichten berichten von unserer Bahn und dem immerwährenden Kleinkrieg zwischen ihr und ihren Fahrgästen von der Alma Mater: Wie oft blieb das Bähnchen mit schleudernden Lokrädern resignierend stehen, weil wieder einmal die Schienen mit Schmierseife präpariert worden waren! Wie häufig kam es vor, dass beim Anfahren auf einer Haltestelle der hintere Zugteil stehen blieb, den ein ruchloser Studiosus abgekuppelt hatte! Bereits am 12. Februar 1905 erließ der Landrat in der Göttinger Tagespresse eine Bekanntmachung des Inhalts, dass das Auf- und Abspringen während der Fahrt strengstens verboten sei, und der bekannte Anschlag am "schwarzen Brett" der Universität aus dem Jahre 1909 wiederholte dieses Verbot, da immer wieder Verletzungen bei diesem "Sport" aufgetreten waren. Weithin berühmt waren auch die Wettläufe, die seit 1909 in Abständen immer wieder von studentischen Staffeln gegen die Gartetalbahn ausgetragen wurden.

ehem. Bahnhof RittmarshausenSchließlich wurde unser Bähnle auf seine alten Tage auch noch ein Filmstar: in der damaligen Filmstadt Göttingen drehte man den Hans Albers-Film "Der tolle Bomberg". In diesem Streifen hatte der "blonde Hans" mit seinem Kutschwagen ein Wettrennen gegen eine neben der Straße herfahrende Kleinbahn zu bestreiten, und diese wurde vollendet von der Gartetalbahn verkörpert.

Heute sind nur noch wenige Relikte der Gartetalbahn in der Kulturlandschaft des Gartetals zu erkennen: Etwa die Reste von Brückenfundamenten an Leinekanal und Garte, ein Güterschuppen südlich von Klein-Lengden, das Bahnhofsgebäude Rittmarshausen (unverkennbar!), die Rampe bei Westerode, die zur Überführung der Kleinbahn über die Staatsbahn aufgeschüttet wurde. An vielen Stellen aber kann man die Trasse noch erahnen, mit Gras und Sträuchern fast zugewachsen oder als Streckenführung für Radwege - ein Andenken an eine liebenswerte Bahn.

verändert nach: K. Burmeister, 1987

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